Ignoranter Webdesigner

In den vergangenen Tagen hat ein ehemalige Kollege von mir, der mittlerweile als Einzelkämpfer-Designer unterwegs ist, auf den Launch eines neuen von ihm designten Projekts hingewiesen. Beim Ansehen der Site bzw. des zugrundeliegenden HTML klappten sich mir mal wieder die Fußnägel hoch. Eine Schande, was auch 2010 noch auf neu entstehenden Sites veröffentlicht wird.

Ich habe den Designer daraufhin angeschrieben und wortreich auf seine Fehler hingewiesen. Ein kurzer E-Mail-Dialog entwickelte sich und die von meiner Seite aus letzte Mail daraus möchte ich hier anonymisiert veröffentlichen. Ich nenne dabei weder die angesprochene Site noch den Designer, weil ich hier kein öffentliches Bashing betreiben sondern nur mal wieder auf ein falsches oder zu kurz gegriffenes Selbstverständnis von Webdesignern hinweisen möchte, das leider noch weit verbreitet ist. Trotz der im Text enthaltenen Hinweise wird sich die angesprochene Site trotz Keyworddomain auch kaum bei Google finden lassen. Warum das so ist, zeigt sich im Text, ist aber auch unschwer zu erraten.

Die E-Mail

Ich finde es erschreckend, dass du offensichtlich tatsächlich so ahnungslos bist. HTML hat nichts mit Programmierung zu tun sondern ist eine Auszeichnungssprache für Inhalte. Du zeichnest jedoch keine Inhalte aus sondern lieferst Daten, die keinerlei tabellarische Struktur haben, in einer Tabelle aus. Das ist, als würdest du private Briefe mit Excel schreiben.

Weil HTML eine Auszeichnungssprache ist, haben rein visuelle Angaben darin nichts zu suchen. Das steuert man ausschließlich über CSS. Anreichern kann man dann die Nutzererfahrung noch durch den sinnvollen Einsatz von JavaScript (womit wir dann doch bei der Programmierung wären). JavaScript findet aber nur so Verwendung, dass alle Inhalte auch ohne aktiviertes JavaScript erreichbar sind. Das muss dann nicht identisch aussehen und auch nicht genauso geschmeidig funktionieren, die grundsätzliche Funktion muss aber gegeben sein. Moderne Websites gewährleisten das problemlos.

Unter Camper-Preisvergleich findest du z. B. ein von mir gebautes Formular. Mit aktiviertem JavaScript lassen sich An- und Abreisedatum sehr komfortabel über Datumswähler eingeben und eine der Reisedauer angemessene Kilometerangabe wird dynamisch berechnet, lässt sich aber sehr intuitiv über einen Schieberegler anpassen. Ruft man die Seite ohne Javascript auf, ist alles ebenso bedienbar und man kann mit dem Formular arbeiten, es ist jedoch weniger dynamisch und interaktiv. Auch das kann man noch verbessern, es ist aber auf jeden Fall ein guter Ansatz. Nun ist mir zwar klar, dass das auf der von dir erstellten Seite kein Problem ist, da du JavaScript dort kaum einsetzt. Es soll nur zeigen, was man mit sinnvollem Quelltext für seine Kunden erreichen kann.

Du hingegen versteckst Inhalte in schlecht komprimierten Grafiken mit so sprechenden Namen wie »logo_oben.jpg« und lieferst dafür noch nicht einmal alternative Inhalte. Der optisch offensichtlich so wichtige Text »entfernt« kommt auf der Seite nur im Titel und im Copyrighthinweis vor. Der Text »Beratungsförderung«, immerhin einer der Punkte der Hauptnavigation, taucht an keiner Stelle der Seite auf. Wie soll Google oder ein blinder Anwender auf der Suche nach dieser Dienstleistung wissen, worum es geht? Und du meinst tatsächlich, dass deine Kunden bei Google gut gefunden werden? Kann ja gar nicht sein, wenn du die relevanten Keywords vor den Suchmaschinen versteckst.

Dreamweaver mag ein gutes Programm sein, liefert jedoch vernünftiges HTML nur, wenn man es dazu zwingt. Einfach bunte Bildchen und Texte in ein Tabellenkonstrukt zu ziehen, hat nichts mit der Erstellung von Webseiten zu tun. Das ist, als würde ich einen Tischler mit der Anfertigung eines Regals beauftragen und der baut mir ein IKEA-Billy zusammen. Da kann man zwar Bücher reinstellen, dafür hätte ich aber keinen Tischler gebraucht.

Die Konsequenz für dich kann nur sein, das Handwerk Webseitenerstellung zu erlernen oder es Leuten zu überlassen, die es können. Alles andere ist deinen Kunden gegenüber eine riesige Schweinerei. Verwunderlich finde ich in diesem Zusammenhang übrigens, dass ein Kunde, der sich mit Beratung beschäftigt, sich bei der Auswahl eines so wichtigen Dienstleisters offensichtlich nicht hat beraten lassen. Er hätte sich sonst nicht für dich entschieden, zumindest was die Umsetzung der Site angeht. Gegen das Design ist aus meiner Sicht gar nichts einzuwenden, das finde ich für den Zweck und das vermutlich kleine Budget sehr gelungen. Sich aber als Designer nur auf das Optische zu beschränken, ist ein zu eingeschränktes Selbstverständnis.

Ich habe vor gut drei Jahren mal einen Artikel übersetzt und veröffentlicht, der sich mit genau dieser Problematik beschäftigt. Ich würde mich freuen, wenn du ihn dir mal durchliest. Vielleicht bleibt ja etwas hängen.

7 Kommentare

  1. Stefan David sagt:

    Ich habe mich im da mal ein wenig auskotzen müssen. http://ononlinework.de/x/1k Hat noch jemand etwas hinzuzufügen? Diskussion eröffnet.

  2. [...] Ignoranter Webdesigner » CSS, HTML, Webdesign, Webstandards » ononlineworkStefan David schreibt einem Webdesign-Kollegen, welche Fehler dessen Websites beinhalten und hat ziemlich recht. [...]

  3. Stefan David sagt:

    Ein Xing-Kontakt weniger. Ratet mal, wer: http://seostefan.de/webwelt/designer-webdesigner-webstandards/ #nichtkritikfähig

  4. Lesetipp: ononlinework » Webstandards: Ignoranter Webdesigner http://seostefan.de/webwelt/designer-webdesigner-webstandards/

  5. stefan sagt:

    ich glaube das problem liegt woanders. jeder sollte einen persönlichen schwerpunkt verfolgen und diesen »professionell« ausführen. ich halte nichts von dem gleichnis webdesigner = designer, programmierer, seo, sem und was weiß ich noch alles. das kann nur voll in die hose gehen, aber richtig.

    klar, um überleben zu können kommen dann freie digitale auf die idee als designer auch noch zu programmieren und noch mehr programmierer auf die idee als designer tätig zu werden. heraus kommt durchschnittlicher müll. man sieht es bei kleineren agenturen immer wieder in den stellenanzeigen, da werden genau die leute gesucht. die großen agenturen splitten das bewusst in einzelne bereiche um der komplexität und dem qualitätsanspruch herr zu werden und in der lage zu sein alle bereiche »kompetent« abdecken zu können. natürlich muss man etwas über seinen eigenen »fachlichen« tellerrand hinausschauen um ein gefühl für das aktuelle medienumfeld zu haben, aber alles in einer person geht nunmal nicht ohne qualitätsprobleme (in den meisten fällen).

    natürlich kann sowas auch einfach an einer krassen falschen selbsteinschätzung a´la DSDS liegen… :)

    hier weiterführender link:
    http://www.sixrevisions.com/project-management/5-ways-to-add-value-to-your-work-as-a-web-designer/

    zum lachen und weinen:
    http://www.agencysmackdown.com/smackdowns/26

    • Stefan David sagt:

      Ich fordere auch nicht, dass der Webdesigner alles können muss. Bei der Komplexität der einzelnen Aufgaben ist das auch gar nicht leistbar. Man muss sich dann aber auch der eigenen Grenzen bewusst sein und darf eben nicht solch einen Dreck abliefern, wie den, der die zitierte Diskussion auslöste.

      Wenn man nur Design kann, liefert man eben nur Design. Im Beispiel wurde aber eine fertige Website geliefert, die technischen Anforderungen in keiner Weise genügt. Und da ist das Problem: Der Kunde erkennt aufgrund fehlenden Wissen und falscher/mangelnder Beratung nicht, dass ihm mangelhafte Qualität geliefert wurde und der Designer wird es ihm aus eigennützigen Gründen nicht verraten. Das Resultat ist dann aber vermutlich nicht das, was der Kunde sich gewünscht hatte, als er die Website beauftragt hat.

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